Sascha Tschorny

Betreutes Wohnen für Katzen

( Кошачья Санатория)

Das Trajansforum in Rom ist einem Forum sehr unähnlich: ein abgelegenes,

einsames Plätzchen, zwischen zwei Häuserreihen gelegen, das ist alles.

Der von Mauern umgrenzte Platz ist abgesunken und liegt fünf Meter

tiefer als die Häuser, auf seinem friedlichen Rasen ruhen sanft verstreut,

wie müde Zugochsen, graue, granitene Trümmer.

Keine einzige Säule ist noch heil, die Bruchstellen körnig und gezackt,
hier und da kriechen zottige, stachelige Oleander- und Brombeersträucher
ungezähmt durch’s Forum, als ob sie nichts mehr zu tun haben wollten mit

diesem Trajan und seinem verstaubten, uralten Heiligtum, von dem nur graue Säulengebeine übriggeblieben sind.

Nur an der Seite streckt sich noch, schlank wie der Stamm einer Palme, die
Trajanssäule in den Himmel, ruhend auf einem steinernen Podest und rund-
herum ausgeschmückt mit Marmorfigürchen. Ziemlich riesig. Wie sie hier

aufgerichtet wurde, vermag ich nicht zu sagen, ob von Riesen oder Elefanten,

ich weiß es nicht.

Oben auf der Spitze ein dunkler, bronzener Alter, der Apostel Peter.

Er steht da in voller Größe, von der Julisonne gebraten, vom Dezemberregen

durchnässt, steht ganz allein für sich, und nur manchmal gesellt sich eine dicke
Taube zu ihm, um sich auf seiner Schulter die Federn zu putzen.

Das Forum ist leer. Nichts und niemand außer Gras, Gesträuch und den
glatten Steinstücken der zerborstenen Säulen.

Aber hier, zwischen den neuen Trieben des Feigenbaums, schimmert hier
nicht, hinter den jungen Blättern, ein gelblicher, flauschiger Rücken?

Und dort, unter den Granittrümmern, plustert sich da nicht, wie ein grauer,

runder Muff, ein Katzenschwanz auf? Unter den Bögen der Mauer,

was kommt da, träge gähnend, für ein geschecktes Tierchen angestiefelt? 

Und noch mehr, noch mehr.....Katzen! Ach, wieviele: eine ganze

Katzenrepublik, scheint’s.

Beppo, ein großer Kater mit weißer Brust, sitzt, gebeugt über die Reste

eines Hammelkopfes, von einem unbekannten Wohltäter über die Mauer

geworfen,  und grübelt.

Nicht im Traum wäre ihm eingefallen, dass ihm sein verärgertes Herrchen,
der Schuster Rabbiato, jemals einen solchen Streich spielen würde.

Wie jeden Morgen war Beppo heute auf seinen Schoß gesprungen und

erwartete, das Köpfchen ein wenig eingezogen, den gewohnten,

täglichen Klaps. Aber der Schuster streichelte ihn mit seinen rauhen

Händen hinter den Ohren und stellte ihm nicht nur ein volles

Schüsselchen Milch hin, sondern, als Zugabe, noch einen fettigen

Heringskopf. Seit seiner Geburt hatte der arme Beppo kein

solches Wunder erlebt.

Nur hinterher... hinterher steckt ihn sein Herrchen einfach in den gestreiften
Sack, mit dem die Wirtschafterin auf dem Markt einkaufen geht. In einen
Sack, entschuldigen Sie bitte, als ob Beppo eine Lammkeule oder ein Stück
Kalbsleber sei!

Der Kater bleibt brav und artig sitzen, durch den groben Stoff kann er gut
atmen, sein Herrchen marschiert und marschiert, das luftige Gefängnis
schaukelt nach links und nach rechts - plötzlich: halt. Der Sack wird

umgekippt und geöffnet, und aus seinem Rachen fliegt unser Ärmster aus schummrigem Halbdunkel hinaus in die helle, sonnengrelle Weite.

Vor seinem Maul blitzen bunt durcheinander blauer Himmel und braune

Mauern auf. Beppo dreht sich wie ein Aal und landet, alle vier Pfoten voran,  

wie ein Fallschirm auf dem regennassen Rasen.

Hinter der Mauer winkt oben sein Herrchen und ruft zärtlich: „Addio, mein
Lieber! Wolltest Dich nicht wie ein anständiger Kater benehmen?: nun, dann
geh’ doch zu Teufels Großmutter!“

-   „Na, ein Neuer?“ schnurrt aus dem Gras ein träger Katzenbass.
-   „Sicher“, maunzt ein graues Kätzchen, streckt sich und schaut Beppo
     gleichgültig über die Schulter an.
-   „Sympathisch?“ fragt der Bass.
-   „Naja, guckt ein bisschen dumm, wie nicht von dieser Welt“.

Das Kätzchen schnuppert an einem vom feuchten Gras durchnässten

Stück Papier, in dem Fisch eingewickelt war, und schließt träumerisch

die Augen.
-   „Am Anfang ist das mit allen so“, brummt beruhigend der Bass.

                                          ***

Sachlich und bedächtig schreitet Beppo das gesamte Forum fünf Mal ab,
beschnuppert alle Sträucher, prüft alle Ritzen - einfach eine Mausefalle!
Auf allen vier Seiten endet der Rasen an einer glatten, steinernen Mauer.
An so etwas hochkrabbeln können nur Spinnen und Eidechsen.

Spatzen und Tauben fliegen herein und hinaus, Beppos Schwanz schlägt
vor Ärger hin und her. Warum hat Gott nur geflügelten Geschöpfen diese
wunderbare Fähigkeit verliehen, sich über alle steinernen Mauern hinweg
nach Belieben in die Luft zu schwingen, um sich ungehindert um ihre Vogel-
angelegenheiten zu kümmern?

Beppo, dem alle Dachböden und Keller seines Viertels zugänglich waren,
Beppo, der ohne Angst über steile Ziegeldächer bis an deren blauen Rand
kletterte, um die Aussicht zu genießen, guckt sich jetzt die Vögel von unten
an!  Beppo, der mit dem Geschick eines Akrobaten und der Gewandheit
einer Schlange jedem beliebigen Terrier ins erste beste Fenster entwischen
konnte - war gefangen.

Zudem schienen Kater und Katzen hier irgendwie merkwürdig zu sein.
Selbstverständlich, entsprechend den Regeln kätzischer Wohlanständigkeit,
belästigte niemand den fremden Kater, der seine Nase in alle Ecken steckte,
um seine neue, merkwürdig verschlossene Wohnung zu erforschen.
Selbstverständlich gab sich auch Beppo gleichgültig und ging den satten
Fressen der auf dem Rasen herumlungernden Tiere aus dem Weg.
Selbstverständlich findet ein richtiger Kater allein einen Ausweg aus jeder
misslichen Lage, aber trotzdem - keine Spur von Anteilnahme! Immerhin ist
er Gast hier, man könnte ihm schon ein wenig freundlicher begegnen, mit den
örtlichen Gepflogenheiten vertraut machen und schließlich überhaupt,
verdammt noch mal...Miau!

Er ist genervt und setzt sich, seinen sowieso sinnlosen Rundgang abbrechend,

auf einen Stein, gerade gegenüber diesem mehr als wohlgenährten
grauen Kater, der Augenzeuge seines schmählichen Falles ins Forum war.

-   „Sagen Sie doch, bitteschön....“ höflich senkt Beppo den Nacken und

macht, wie eben ein wohlerzogener Kater es tut, nach den einleitenden

Worten eine kleine Pause.
-   „Murr?“
-   „Sagen Sie doch, bitteschön, was bedeutet das alles hier?“
-   „Sie kommen wahrscheinlich vom Lande?“ fragt der Dicke und

klatscht dabei mit dem Schwanz auf eine herumliegende alte Zeitung.
Beppo ist beleidigt.
-   „Ich bin im Zentrum Roms geboren, in der Via Colonnetti, falls Sie die ken-
     nen sollten, und zwar in der Kirche dort, die zwischen zwei Imbissen liegt,
     und mein Stadtviertel habe ich fürderhin nicht mehr verlassen. Sollten Sie
     dies als provinzielle Herkunft deuten....“
-   „Trotzdem merkwürdig! Wie sollte Ihnen unbekannt sein, was in Rom jedes
     zwei Wochen alte Kätzchen weiß? Wie heißen Sie?“
-   „Beppo“ schnurrt hastig der etwas verwirrte Kater.
-   „Nun also, Signor Beppo, seit Ewigkeiten gibt es in Rom folgenden Brauch:
     jegliche Kater, beziehungsweise“ (er zieht verächtlich die Nase hoch)
     „ Katzen, die sich kriminell und verbrecherisch aufführen, oder auch jeg-
     licher Hausherr, der auf Grund von Armut seine Tiere nicht ausreichend
     ernähren kann, sowie in dem Falle, da eine verrückt gewordene Touristin
     sich ein Katerchen zulegt und bei der Abreise nicht weiß, wohin damit: in
     allen diesen Umständen werden die erwähnten Unglücklichen ins Trajans-
     forum hinabgeworfen. Ich weiß nun nicht, welcher dieser Kategorien Sie
     anzugehören die Ehre haben?“
-    „Ich glaube, allen dreien“ maunzt Beppo versonnen.
-    „Murr?“
-   „Als ich klein war, hat mich Miss Nelly in einem Restaurant aufgelesen. Ich
   hatte mich dort hineingeschlichen und hinter einem Bambustopf ver-
   steckt und sie, wissen Sie, speiste zu Abend. Ich krabbelte hinter dem Kü-
   bel hervor und sprach sie einfach an:  „Miau, Gnädige Frau, ich bin eben-
   falls hungrig!“
   Nun, sie fütterte mich, nahm mich mit nach Hause, kämmte mir alle Flöhe
   aus, küsste mich auf Näschen und Pfötchen (igitt), bespritzte mich mit
   irgendwas Stinkendem und knotete mir ein grünes Bändchen um den Hals.
   Zwei Wochen wohnte ich bei ihr wie irgendsoein, entschuldigen Sie den
   Ausdruck, Schoßhündchen, und dann... erschien ein schiefbeiniger Grobian
   in blauer Arbeitsbluse, trug ihre Koffer davon und ich fand mich erneut auf
   der Straße wieder. Vom Trajansforum hatte sie wohl auch nichts gehört.

-   „Frauen...“ brummelte abschätzig der Dicke.

-   „Ich habe mich dann zu einer armen Wäscherin gesellt, sie hatte viel Arbeit
    und wir beide schlechte Kost. Tag für Tag gummiartige Makkaroni, un-
    glaublich. Radieren kann man mit denen, oder als Strumpfband nutzen,  
    aber essen?...noch dazu mit diesen säuerlichen Tomaten! Wenn’s wirklich
    mal Leber gab, na, Sie können sich vorstellen, was die Arme nach dem
    ganzen Wäschewaschen und der Plackerei auf dem Teller übrigließ, da
    war nicht mal was zum Ablecken.

    Aber solange sie zu Hause arbeitete, hielt ich’s aus, weil immer Nachbarn
    kamen, mit ihren Kindern. Die Würfe scheinen genau so groß zu sein wie  
    bei uns. Die Kleinen haben immer irgendwas zum Knabbern dabei, Kekse,
    Gebäck, ein Stück Hering oder noch was. Hat natürlich alles seinen Preis:
    mal wird man am Schnurrbart gezupft, mal kriegt man das Püppchen auf
    den Kopf - das tut aber gar nicht weh, heutzutage sind die ja aus Zellu-
    loid..“
äußerst stolz prononciert Beppo das aufgeschnappte neumodische Wort.

-   „In dieser Gesellschaft gabs mal mehr, mal weniger zu essen, aber das
    Grummeln im Bauch blieb die ganze Zeit.  Als meine Wäscherin jedoch be-
    gann, außer Haus zu arbeiten und mich auf dem Dachboden einsperrte,
    damit ich auf hungrigem Magen ihre verfluchten Mäuse wegfinge“
    (vor Entrüstung verschluckt sich Beppo sogar) “...nein, bitteschön, die fang
    man schön selber und brat sie dir mit Olivenöl. Das war nichts für mich, ich
    drücke mit dem Köpfchen ein Fenster auf und...“

-   „Und forderten Ihr Schicksal erneut heraus?“ fragt der Graue, die

schmunzelnden Pupillen zusammengekniffen. Herrlich, denkt er, sich

die Sonne auf den Pelz brennen lassen und einfach abhängen.

Wunderbar, sich nach einem opulenten Mahl Geschichten über

anderer Leute Hunger anzuhören.

-   „Genau, ich forderte mein Schicksal erneut heraus!
     Obwohl, eigentlich war Signor Rabbiato kein richtiges Herrchen, ich sah
     ihn nur frühmorgens und am Abend. Er war ja nicht mal ein richtiger
     Schuster! Bei einem richtigen ist es nämlich warm in der Werkstatt, weil er
     zu Hause bleibt und Milchkaffee trinkt...na, und wo Leute sind, versteht
     sich, da fällt auch für unsereinen was ab....Aber er, noch in der Dämme-
     rung, schmeißt sich den Beutel mit Lederflicken und Krimskrams über die
     Schulter, greift sich den Klapphocker und ist den ganzen Tag verschwun-
     den. Die Menschen, müssen Sie wissen, tragen an den Pfoten Hufe, die
     sie an- und ausziehen können...“

-   „Sie meinen Schuhwerk“ verbessert ihn träge der Graue.

-   „Weiß selber, wie das heißt...und im Übrigen möchte ich bitten, mich nicht
     zu unterbrechen. Also, diese Schuhe, selber nähen kann er die nicht, aber
    flicken, sticheln, nähen und Absätze beschlagen für die Mädels, die sind ja
    ewig schief bei denen...kurz: ein wandernder, ein Landstreicher-Schuster    
    war er!“ faucht Beppo mit Abscheu.

   „Na, andererseits gings mich ja nichts an, für uns, wie Sie bereits wissen,   
    hat das Futtern Priorität, dann kommt das Streicheln und drittens gute und
    anregende Gesellschaft.

    Aber Essen - Fehlanzeige. Ich weiß nicht mal, ob mein Schuster selbst
    was zu essen hatte, wahrscheinlich unterwegs irgendwo ein Paar Makka-
    roni eingesaugt und auf Käserinde herumgekaut, oder einer Zwiebel.
    Landstreicherleben - Landstreicheressen. Nur getrunken hat er einiges,
    sogar mit nach Hause gebracht.

-   „Milch vielleicht?“ grinst spöttisch der Graue.

-   „Klar doch, Milch...rote und gelbe Milch. Weiß der Teufel, wie sie diesen
     Mist runterkriegen, mein Verderben war sie auch, diese Milch, na, erzähle
     ich später, jetzt erstmal der Reihe nach, sonst verheddere ich mich.

    Also Streicheln? Liebkosungen? Habe ich von dem nicht gesehen. Kommt
    aufgekratzt nach Hause, maunzt, schmeißt sich mit Worten an mich ran:
    ‘Wie stehts, Signor Beppo, hab Sie lange nicht gesehen, mein Schöner...
    was drehst Du mir den Hintern zu, blöder Hund!’

    Wie soll eine gepflegte Unterhaltung zustande kommen, wenn ich nur ein
    Stückchen Sauerbrot im Magen habe, aus dem Mülleimer gefischt, das
    dort bereits einen Tag Gelegenheit hatte, vor sich hin zu gären“.

-   „Warum zum Teufel sind Sie denn dageblieben?“ brummt der Graue fast
ärgerlich, und dreht sich gemählich auf die andere Seite.

-   „Oh, der Hof war sehr angenehm, mit guter Gesellschaft: zwei Katzen, Kü-
     ken,“ (träumerisch leckt sich Beppo  die Lippen) „einer Müllgrube, und
     Kinder gabs wie Fliegen, in der Ecke stand ein Walnussbaum und überall,
    wissen Sie, wie Löcher im Schweizer Käse, Treppenhäuser, eng, dunkel
    und wer-weiß-wohin führend. Na, irgendwie ließ sichs aushalten.
    Bis das eben passiert ist...“   Tief seufzt Beppo auf.

-   „Murr??“
-   „Eines Abends kommt mein Herrchen nach Hause, in unseren Keller, mit
    einer bauchigen Flasche, schwankend, stellt sie auf die Erde und lässt sich
    wie erschossen auf die Wäschetruhe sinken. Allein wars ihm wohl zu lang-
    weilig, da nimmt er mich beim Genick und stellt mich auf den Hocker vor   
    sich hin. Ich sitze. Gießt vom Gelben ins Glas und tunkt meine Schnurhaa-
    re hinein. Ich lecke, spucke, fauche, puffe mit dem Kopf an den Becher,
    dass alles verspritzt - was für ein Geruch!
    ‘Nun sagen Sie, Signor Beppo, der Frascati gefällt Ihnen also nicht? Wär
    ein Chianti genehm? Kein schlechtes Weinchen’.
    Gießt vom Roten ins Schüsselchen, klemmt sich mich unter die Achsel und
    taucht mein Gesicht hinein.

    Mir springen fast die Augen aus dem Kopf. Ich kann nicht atmen, reiße den
    Mund auf, schnappe nach Luft und kriege den Wein in die Kehle, niese,
    verschlucke mich, in der Gurgel kratzt es wie tausend Katzen. Will mich
    losreißen, aber er lässt nicht locker, der Teufel!

    Naja, ich muss zugeben, seine Hand hab ich schön mit den Krallen bear-
    beitet, aber er hält mich am Schwanz, und mit der anderen Hand greift er
    zur Ahle...unglaublich, will meinen Schwanz mit der Ahle an die Truhe na-
    geln, können Sie sich das vorstellen?“

-   „Ohauaha, sehr, sehr interessante Geschichte!“ beinahe erregt rekelt sich
    der Dicke und setzt sich in einer Gefühlswallung sogar auf -
   „Weiter, Weiter!“

   „Weiter gibts nichts, irgendwie bin ich ihm aus den Händen geglitscht und
    durchs Gitter aus dem Fenster.
    Er kommt wieder zu sich, beguckt seine Hand und knurrt: ‘Bin doch ein
    Idiot, was, Beppo? Wahrscheinlich übergeschnappt, den einzigen Freund
    wollte ich quälen...Bepp.Bepp, komm doch zurück, Beppo, kriegst auch
    Milch!“

   Na, die kennen wir schon, deine Milch.
   Klar bin ich zurückgekommen, aber erst am nächsten Tag, und auch erst
   abends, aber von da an, Sie müssen schon entschuldigen, waren mir alle
   schnurzegal und ich beschloss, ein, wie Sie sich ausdrückten, ‘verbreche-
   rischer Kater` zu werden.

-   „Das muss man allerdings auch erst einmal können....“ schwärmerisch
    seufzt der Dicke.

-   „Ich tat, was in meinen Kräften stand! Bei dem Alten war natürlich nichts zu   
     holen, ich kaue ja nicht auf Leder herum.
    Aber im Hof habe ich alles Mögliche ausgefressen: ein Küken unter der
    Treppe gewürgt - was treibt es sich da auch herum? Wahrscheinlich wäre
    es gar nicht aufgefallen, aber ein Paar Federn und Gedärme blieben übrig
    und der Verdacht fiel gleich auf mich, weil ich so abgemagert aussah.
    Beim Nachbarn bin ich in die Küche geschlichen und hab Milch weg-
    geschlabbert, aber bestimmt zwei Untertassen. Einen Skandal hat er da-
    raus gemacht, als ob ich ihm nichts übriggelassen hätte.

    Dem buckligen Studenten unter uns die Tinte über’n Tisch gegossen - ich
    versteh auch nicht, wozu er das Tintenfass ausgerechnet dort hinstellt. Ei-
    ne Türscheibe eingeschmissen - konnte mich gerade noch vor dem auf-
    gebrachten Krämer retten - alles so Kleinigkeiten.

    Einem Mädchen im Hof das Butterbrot gemopst, also die war noch ganz
    winzig, wollte mit mir Kaufmannsladen spielen, ich Kunde, sie Chefin.     
    ‘Möchten der Herr vielleicht ein Brötchen mit Butter belegt?’ fragt sie höf-
    lich, und ich: ‘Miau, selbstverständlich!’ - ‘Das macht dann 30 Lire’ sagt sie,
    aber handeln wollte ich eigentlich nicht, nehm den Einkauf zwischen die
    Zähne und ab. Wieviele Lire liegen denn im Allgemeinen so einem Kater-
    chen im Portemonnaie, na?“
Beppo seufzt.  „Naja, da war schon noch einiges...
    Meinem Schuster schien die Veränderung meines Charakters sogar zu
    gefallen. ‘Super, Beppo’, waren seine Kommentare, ‘weiter so! Als ich jung
    war, habe ich noch bessere Kabinettstückchen angestellt’.

    Als ihm dann allerdings nach und nach alle Nachbarn zusetzten, und der
    Krämer, und schließlich das halbe Viertel, knickte er ein und dachte sich
    die Aktion mit dem Sack aus.“

Beppo hat seine Erzählung beendet und schielt auf seinen Zuhörer. Der
schweigt. Unhöflich eigentlich. Soll er doch was von sich berichten, wenn

er schon nichts Vernünftiges über dieses Forum zu erzählen weiß.
-  „Entschuldigen Sie bitte“ höflich bewegt Beppo nur sacht seinen Schwanz,
     aber Sie, sind Sie ebenfalls ein „verbrecherischer Kater“ oder wurden Sie
     von einer Ausländerin ausgesetzt?“

-   „Das, mein Lieber, hat Sie nicht zu interessieren“ antwortet kühl der Dicke.
    “Ich bin, falls es Ihnen beliebt zu erfahren, der Erste Vorsitzende unserer  
      hiesigen Kolonie und Gemeinschaft, Bimbo, Signore Bimbo. Ich darf mir
      erlauben, Sie mit unserer Hausordnung und den allgemeinen Vorschriften
      bekannt zu machen, die Sie sich bitte einprägen werden, und zwar: Das
      Essen anderer ist niemals anzufassen! Das ist das Erste, davon abgese-
      hen, schmeißen sie von oben genug herunter...

-   „Wer schmeißt?“
-   „Na, verschiedene eben, in der Art Ihrer Miss Nelly, nur älter. Kinder ha-
      ben die keine, so kommen sie zu uns gelaufen, spitznasige Ratten, die“
      schnaubt Bimbo verächtlich. “Außerdem gibt’s noch so einen Alten, ach,
      da drüben ist er, sehen Sie?“

Beppo dreht sich um - am Rand der Säulen tappt ein grauhaariger Mensch
mit einem großen Sack in der Hand, zu seinen Füßen tummelt sich, als sei
sie magnetisch angezogen, eine buntscheckige Schar Kater und Katzen.

-   „Dies“ fährt der Erste Vorsitzende fort, „ist unser Küchenchef, Verwalter
     unseres Vorratslagers und Betreuer unserer Wohnanlage, Signor Scara-
     muccio. Sehen Sie, eine hochstehende, kinderlose Amerikanerin hinterließ  
     eine Stiftung zugunsten obdachloser Kater und Katzen, und der Opa ist
     bei ihr angestellt und beauftragt, sich um alles zu kümmern. Ich muss
     mit Bedauern hinzufügen, dass er nicht immer das frischeste Fleisch zu
     kaufen pflegt, aber was will man schon von Menschen verlangen? Seien
     Sie doch nun so freundlich, unsere erste Regel zu wiederholen.“

-   „Fremdes Essen niemals anfassen“ antwortet Beppo mürrisch.
-   „Aber das sollte Sie nicht bekümmern, bei uns können Sie nach
     Herzenslust essen. Weiter: ob es regnet oder die Sonne scheint, niemand
     darf von seinem Stammplatz vertrieben werden. Sie haben jederzeit die
     Möglichkeit, bei der Mauer unter den Arkaden, unter den Säulen oder
     sonstwo in einer leeren Kiste unterzukriechen - kein Grund also, kiebig zu
     werden, sonst ist Stress vorprogrammiert.
     Konzerte in Mondnächten werden veranstaltet unter der Leitung von
     Signor Brutto, da drüben, der Einäugige, der sich den Bauch mit Teer
     eingesaut hat“.

-   „Was noch?“ fragt Beppo, schon mutlos.

-   „Spaziergänge durchs ganze Forum sind hin und zurück gestattet, aller-
     dings gemessenen Schrittes. Ich möchte Sie aber gleich darauf aufmerk-
     sam machen, dass während meiner Mittagsruhe von 14 bis 18 Uhr, die
     ich zu Füßen der Trajanssäule zu halten pflege, das Betreten dieses
     Teiles nicht erwünscht ist, ich goutiere das gar nicht. Wiederholen Sie!

Sichtlich unwillig wiederholt Beppo alles und lässt schließlich das Köpfchen
hängen.

-   „Was ist mit Ihnen?“ fragt der Graue.
-   „Ein Hund hat gebellt!“
-   „Und was geht Sie das an?“
-   „Naja, bitte sagen Sie doch...“ beginnt Beppo aufgeregt und fährt nervös
     seine Krallen aus und ein, „also die, hierher, werden die doch nicht
     geschmissen?“

-   „Wer: die?“
-   „“Na, die Hunde!“
-   „Für solche Fragen sollte man Ihnen die Zunge abschneiden!“ schreit der
     Erste Vorsitzende verärgert, „ich bitte Sie ergebenst, diese verrückte
     Befürchtung niemandem gegenüber zu wiederholen! Nicht, dass noch so
     eine Miss Nelly in ihrer Herzensgüte auf die Idee...“

-   „Mach ich nicht. War das jetzt alles?“ Finster senkt Beppo den Blick und
betrachtet missbilligend den aufgeschwemmten fetten Körper des 1.Vorsitzenden.

-   „Das war alles“.
-   „Na, sind ja äußerst erfreuliche Aussichten“.

Gehässig grinst der 1.Vorsitzende unter seinem Schnurrbart: „Ach, der Herr
   ist nicht begeistert? Da hätte er sich früher besser aufführen sollen! Aber
   ich kann Sie trösten, Signor: wenn er sich doch bitte einmal auf dieses
   Trümmerstück bemühte. Gut, jetzt vermag er auf diesen Stein zu springen,
    und nun noch ein bisschen höher, dorthin, bitteschön - wunderbar.
    Wenn er nach oben schaut, erblickt er die Tankstelle: sieht er sie, die Felle,
    die da über der Tür im Wind baumeln?“

-   „Äh, Kaninchen??“ fragt Beppo, leicht nervös geworden.
-   „Ver-breche-rische Kater!“  - bewusst gleichgültig akzentuiert der Graue.
    „Wie gesagt, Ihr Schicksal, wenn Sie nicht zu uns gekommen wären.
     Ich hoffe, Sie können Ihrem Aufenthalt hier jetzt etwas mehr
     abgewinnen.“

Beppo zieht vor, nicht zu antworten, springt hinunter auf den Rasen und verzieht sich in das dunkle Labyrinth unter den kalten Marmorsteinen, um
sich abzulegen und in Ruhe seine Lage zu überdenken.

                                              ***

Als Mensch würde Beppo im Forum durchaus Beschäftigung finden:

er könnte Zeitungen lesen (in denen werden die Heringe und Knochen

eingewickelt, die man herunterwirft), er könnte rauchen, soviel er wollte

(im Gras liegen haufenweise die riesigen Kippen der elenden Zigarren

des Aufpassers und Kurators, Signor Scaramuccio), schwätzen könnte

er mit den Flanierern, Nichtstuern und Taugenichtsen, die, mit

übereinandergelegten Händen und gekreuzten Beinen, die Unterarme

auf das Geländer gestützt, von oben ins Forum rotzen und sich

dabei bemühen, den abgenagten Hammelkopf zu treffen, der wie

in einem Regenschauer von der Spucke besprenkelt wird.

Schließlich die Trajanssäule selbst, die von derart vielen Figürchen von
Soldaten in Waffen, Sklaven, Göttern und anderen herrlichen Sachen

übersät ist, dass ein Mensch sich Ewigkeiten  ihrer Betrachtung

würde hingeben können.

Aber lesen und rauchen ist Beppos Fall nicht, mit Menschen spricht er nur
im Traum, und auch da, zugegebenermaßen, eher unwillig. Überhaupt liebt
er diese zweibeinige Rasse ohne Fell nicht besonders, die sich die Macht
über alles auf der Erde mit Gewalt angeeignet hatte.

Zudem ist die Trajanssäule ständig umlagert von Leuten, die dort jeden
Quadratzentimeter begutachten. Zwischen diesen unzähligen Menschen

hat er noch nie einen Kater oder eine Katze entdeckt - was sollte es da

also für ihn zu entdecken geben?

Der Tag ging vorüber, sättigend und sonnig, die Nacht ging vorüber, warm
und mondhell, erneut tauscht grelles Licht mit nächtlicher Dunkelheit und
friedvoll stopfen die Katzentiere Fett in sich hinein und lassen sich, wo sie
stehen und gehen, einfach fallen, um, wie pralle Kopfkissen,

überall herumzuliegen.

Nur Beppo ist dieses Leben nicht gewohnt.
Er wollte ein wenig Streit anfangen, aber die Kater sind alle dermaßen

saturiert und träge, dass er als Antwort auf seine ausgeteilten

Nasenstüber nicht einmal die kleinste Maulschelle erhielt.

Der 1.Vorsitzende hat ihm bereits zwei Mal das Abendbrot gestrichen, als
Strafe für Streiten zu unangemessener Stunde. Was für ein Leben!

An einem dieser Tage, heiß und sinnlos, denkt Beppo, seinen Bauch

an einem flachen Stein röstend, an sein Herrchen.

Ob er wohl noch durch dunkle Stadtviertel irrt, der Landstreicher, auf seinem
Klapphocker sitzt und mit dem Hämmerchen auf die eingekleisterte Sohle
eines Schuhes klopft, der ihm zum Reparieren aus einem Fensterchen zuge-
worfen wurde? Sein Gewissen aber ist wie seine Ahle, sticht und sticht:
‘Ach, wo ist mein Beppo? Wie vermag der Unglückliche ohne mich zu leben?’

So geschieht es, träumt Beppo, dass sich der Schuster letztlich,

mit dem Hemdsärmel eine Träne aus dem Auge wischend, zum Forum

schleppt. Er wird kommen, er wird, auf die Umrandung gestützt,

lange seine Augen umherschweifen lassen zwischen all den grauen,

roten und schwarzen Rücken um, endlich, seinen Beppo wiederzuerkennen.

‘Beppinko, komm doch her, mein Lieber!’
Stolz wird Beppo schweigen und sich abwenden.
‘Beppinko, schau, Hühnerknöchelchen hab ich dir mitgebracht!’
‘Ach, fress doch selber’, grummelt Beppo und guckt weg.

Immer heftiger foltert das Gewissen des Schusters Herz, bis er es

nicht mehr aushält, aus seinem Säckchen ein Seil mit vielen Knoten

herauszieht und hinunterläßt.

In zwei Sprüngen, wie ein Tiger, krallt sich Beppo an der Leine fest, eins-zwei
und er ist oben, auf dem Rücken seines Herrchens, in der Freiheit. Ein unab-
hängiger Kater, mit freier Seele und befreiten Beinchen. Miau - Marmelau!

Mit funkelnden Augen blinzelt Beppo umher - kein Herrchen, kein Seil.
Rundherum Rasen und in allen Ecken Kater und Katzen, die ihr Mittagessen
verdauen. An allen Seiten glatte Mauern, und im Oleander zirpt eine Grille,
als ob sie drei Tage nicht gefüttert wurde - miau. So ein Leben durchzustehen,

hat er nicht die Kraft. Miau - Marmelau!

-   „Was krakeelst du hier wie ein Esel?!“ faucht neben ihm aus dem Gras der
     kätzische Vorsitzende, „In der Mittagszeit hat im Forum absolute Stille zu
     herrschen!“

-  „Hund!“ flüstert Beppo, aber ganz leise, dass der Graue die gräßliche
   Beleidigung nicht vernehme.

Oben hupt ein Auto. Eine Art Miss Nelly, bloß älter, beugt sich über die
Brüstung, genau über Beppos Kopf. Im Sonnenlicht blitzen weiße Zähne,
leuchten gelbe Locken unter einem lila Kopftuch. Sie fängt an, in einer Art
Babysprache zu reden, und obwohl Beppo kein Englisch kann, versteht er
doch einige Wörter. Nicht nur einmal hat er die von der jungen Miss Nelly
gehört, als er, noch ein Katzenwelpe, seine Nase an ihren seidigen Knien
rieb.

-   „Miezmiez, achgott wie süß, was für ein hübsches Miezekätzchen. Mieze-
     kätzchen hat Hunger? Mein kleines Küken, komm her zu Mama, mein
     Dummerchen...“

Noch in der Luft fängt Beppo den herrlich duftenden, gebratenen Hühnerschenkel, räuberisch und gierig fasst er die Beute mit Zähnen und Krallen. Nicht gerade gentlemanlike dreht er der Engländerin den Hintern zu, sucht sich einen Platz

auf dem Rasen und fängt an zu knurren, wobei sein Schwanz auf- und abschlägt.

-   „Alte Lederhaut“ murmelt Beppo grimmig.
Ob mit diesen Worten das in der Tat nicht mehr jung gewesene, gar recht
zähe Hühnchen gemeint war oder die Engländerin selbst, werden wir nicht
erfahren. Da die edle Spenderin die Worte offensichtlich nicht auf sich bezog,
kann es uns schon lange egal sein.

Widerwillig verspeist Beppo einige Fetzen Hühnerhaut und guckt nach oben.

Das Auto ist schon wieder weg, die Sonnenglut hat ihren Scheitelpunkt erreicht.
Unter den Brombeersträuchern an der Seite führt eine ganze Horde wolliger
Dickwänste eine wenig aufregende Art von Gespräch, gähnt zwischendurch,
streckt und dehnt sich, aber folgt den vor ihrer Nase herumflatternden
fetten Tauben nur mit trägen Bewegungen des Kopfes.
Beppo schleckt sich ausgiebig die Pfoten, richtet den Schnurrbart, wischt
sich noch einige Krümelchen vom Kinn und begibt sich zur Gruppe der
Parleure.

-   „Ah, Signor Beppo“, höflich verbeugt sich ein schwarz-weiß gestreiftes
   Kätzchen, „schon wieder depressiv?“
-  „Ja, mir reichts!“
-  „Abgenommen haben Sie auch!“
-   „Ja, abgenommen und, verzeihen Sie bitte, da bin ich stolz ‘drauf. Sie alle
     hier werden ja eines baldigen Tages an Herzverfettung sterben...“

Unverschämt blickt Beppo ihr ins Gesicht, aber sie, als ob er nicht hier im
Forum sei, zieht es vor, zunächst ein benachbartes Hausdach zu inspizieren,
wendet dann ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erst den Wolken und danach der Trajanssäule zu, und bemerkt schließlich, sich dabei an niemanden wendend, nachdenklich: „Eigentlich wäre es durchaus angebracht, Flegel, Rüpel
    sowie alle Kater sozial zweifelhafter Herkunft, die sich in einer zivilisierten
    Gesellschaft nicht adäquat benehmen können, an gänzlich andere Orte zu
    verfrachten, meinetwegen ins Wasser... Wie ist es nur möglich, dass die
    Menschen simpelste Dinge einfach nicht begreifen können...“

-   „Haben Sie übrigens bemerkt“, durchbricht die eingetretene, peinliche
     Pause ein weißer, flauschiger Kater, der wie ein Puderquast aussieht,
    „Haben Sie bemerkt, dass sich bei uns Feldmäuse eingenistet
     haben?“

-   „Feldmäuse??“ wiederholt langsam eine gelbbraune junge Katze, ihr linkes
     Auge nur halb öffnend, „Ach wo, das wüsste ich...ein braunes Fell haben
     die, das Bäuchlein etwas heller...süß. Als ich in der Villa Torlonia
     wohnte...“ stolz dehnt sie den Namen, “..gab es bei uns eine Unzahl  da-
     von. Unser Gärtner meckerte immer, angeblich würden die in der
     Orangerie irgendetwas anstellen. Besonders ich wurde kritisiert... ob es
     nicht meine Absicht sei, gegen die etwas zu unternehmen? Ich? Mäuse
     fangen? Fii! Ich, dessen tägliches Futter aus Sahne und Taubenflügelchen
     bestand?“

-   „Warum sind Sie denn nicht da geblieben, in Ihrer Villa?“ fragt Beppo
     boshaft.

Die Gelbbraune führt daraufhin das gleiche Manöver durch wie die gestreifte:
beguckt das Dach, die Wolken und die Säule und spricht ins Nichts:
   „Wir hielten uns dort einen Kater, aus reiner Gutmütigkeit ließen wir ihn in
   der Küche wohnen und fütterten ihn durch. Den Park oder die anderen
    Zimmer durfte er natürlich nicht betreten, das Haus bewohnten ich, der
    Papagei Sako und noch ein Mädchen, meine Freundin. Als dieser Küchen-
    flegel sich eines Tages doch in die Wohnräume schlich und sich in unsere
    Konversation einmischte, seine dreckigen Krallen an der Couch schärfte
    und seine Fresse in unsere Eclairs steckte, erschreckten wir und
    kreischten wie wild. Gleich kam die Bulldogge herbeigerannt (eine Bulldog-
    ge hatten wir nämlich auch!) und verpasste dem Kater Nachhilfestunden
    in Höflichkeit - Bulldoggen verfügen dafür über spezielle Fähigkeiten...“

Alle Dickwänste beginnen bei ihrer Erzählung zu zittern.

-   „Ich verfüge auch über diese Fähigkeiten,“ knurrt Beppo heiser, und sein
     Schwanz steht dabei schraubenförmig in der Luft, „aber hallo! Und wenn
     du keine Dame wärst, du heruntergekommene Mieze aus der Rasse der
     Schoßhunde, würde ich jetzt alle Flöhe aus dir herausklopfen, alte
     Schlampe!“

-   „Herr Vorsitzender....Signor Beppo wird wieder ausfallend! Miauu!“
      kreischt das beleidigte Katzenvieh. „Schaffen Sie ihn doch irgendwo
      anders hin!“

Beppo zieht vor, das nicht abzuwarten, schleicht wie eine Schlange durchs
Gras und verschwindet hinter den Ruinen.

Verdammt lang der Tag. Böse springt er nach einer Eidechse, die sich auf
einem Stein sonnt, verfehlt sie und begibt sich langsam Richtung Müllkippe,
bei der sich, wie stets, der altersschwache Nero aufhält, der einzige über-
haupt, mit dem es sich hier zu unterhalten lohnte.

-  „Na, Alter, wie läufts so?“ fragt Beppo und stupst höflich mit der Nase in
    Neros kahles Ohr.
-   „Wärm mir den Bauch“ antwortet der Kater träge. „Weißt du nicht, wie
     mans hier aushält? Ich schlage mir den Bauch voll, strecke alle vier Pfoten
     von mir und lass mich braten. Warum regst du dich immer so auf?“

Verärgert faucht Beppo.
-   „Warum fühlst du dich hier so schlecht?“ schnurrt Nero, „Hat es dir nicht
     gereicht, dass sie dich in der Stadt an den Schnurrhaaren gezogen haben,
     mit Füßen getreten und halb verhungern lassen? Das mit deinen ganzen
     Miss Nellies, die dich mit Hühnerleber gemästet hätten, kannst du anderen
     erzählen, die Stories kenne ich!“

Gemästet... traurig seufzt Beppo und beguckt sich die glatten Wände des
Forums. Spöttisch zuckt der Schnurrbart des Alten.

-   „Wo haben Sie denn früher gelebt?“ fragt Beppo.
-   „In der Campagna. Nicht gehört? Tja, dann scheinst du kein römischer
     Kater zu sein... also, die Campagna ist...ungefähr da drüben...“
     Nero wedelt mit der Pfote herum, “...hinter der Stadt, wo es noch keine
     Neubauviertel gibt.
     Steinig ist es. Eidechsen gibts, ein Flüsschen rauscht, die Zikaden zirpen,
     in den Feldern trillern die Lerchen...“

-   „Schmecken die?“ fragt versonnen Beppo.

-   „Kann man essen. Hinterm Feigenbaum hab ich mal eine auf der Erde
     erwischt, fett war sie. Ja, und in der Ferne so hohe Teile, morgens dunkel-  
     blau, tagsüber himmelblau und gegen Abend orange...Berge nennen sich
     die“.

-   „Schmecken die auch?“

-   „Herr im Himmel, was für ein ungebildeter Kater. Wie kann man Berge
     essen? Berge - das sind Steine, die auf die Erde gekippt wurden, und
     hinaufgekippt und hinauf, Steine, Steine, Steine. Bestimmt 20 Etagen.
     Und wer sie hinaufgekippt hat? Naja, ehrlich gesagt, keine Ahnung“.

-   „Hm, offensichtlich gehören auch Sie nicht zu den Hochgebildeten...“
     Beppo grinst ein wenig gehässig.

-   „Weiß nicht, lügen tu ich jedenfalls nicht. Ich glaube, das weiß nicht mal
     jeder Kardinal. Unser Häuschen stand direkt am Fluss, dicht an einer
     Brücke. In der Nähe führte eine Straße vorbei, das war interessant. Ein
     Alter ritt sie immer auf seinem Esel entlang, wenn er seine Weintrauben
     wegbrachte (welchen Geschmack die allerdings an diesen Weintrauben
     finden, versteh ich nicht). Frauen mit Schafskäsen auf dem Kopf kamen
     auf ihr gelaufen (ja, der schmeckt Klasse!), sogar Autos mit grauen Solda-
     ten flogen vorbei.
     Das Häuschen ist schon alt wie eine hundertjährige Schildkröte, alles
     voller Ritzen, das Vordach neigt sich zur Seite, die Ziegel bröseln ausein-
     ander.
     Vor dem Haus ein Nussbaum, streckt die Pfoten in alle Himmelsrichtun-
     gen - wunderbar.
     Oben auf dem Dach, zwischen den Dachziegeln, ein Fensterchen mit
     Bord, dort wohnen die Tauben.“

-   „Und schmecken die?“   

-   „Keine Ahnung. Mein Herrchen hat mal beobachtet, wie ich mich an sie
    herangeschlichen habe. Nahm die Knute vom Nagel und ließ mich dran
    schnuppern. Na, hab ich sie eben in Ruhe gelassen.“

-   „Sind Sie anständig gefüttert worden?“

Der Alte zieht hörbar Luft durch die Nase ein.
     „Was für Futter soll’s bei uns schon gegeben haben? Mein Alterchen hat
     selbst bloß von Mais, Feigen und Tomaten gelebt. Wie kann
     unsereins sowas essen? Nee, da draußen in der Campagna muss ein
     richtiger Kater selbst für sich sorgen. Schau nach den Vögelchen, fang
     dir einen Grashüpfer oder melk die Kuh - nagut, ein bisschen Milch gießen
     sie einem schon ins Schüsselchen.
     Feldmäuse sind überhaupt eine Delikatesse. Gut habe ich gelebt. Und
     Luft gabs. Und Freiheit. Brombeeren überm Bach. Mondnächte auf der
     Brücke. Ein richtig verwilderter, freier Kater bin ich da geworden.“

-   „Wie sind Sie dann hierhergeraten?“ fragt ihn atemlos lauschend Beppo.

-   „Also mein Alter ist mit der Familie weggezogen, nach Süden, und hat
     wohl geglaubt, ich käme alleine nicht klar. Hat mich hier abgegeben. Jetzt
     bereue ich’s nicht mehr. Bin dran gewöhnt. Alt geworden. Lass die Plauze
     von der Sonne grillen und penne. Manchmal träum’ ich noch von der
     Campagna. Sonst noch was?“

Aufgeregt schlägt Beppo mit dem Schwanz. „Im Traum siehst du die noch?
      Du bist mir einer, Digga.... Wie kommt man denn da hin, in deine
      Campagna?“

-   „Nichts einfacher. Zwei Schritte von der Piazza Venezia, wo das Denkmal
     mit dem goldenen Pferdchen steht, einfach rechts um die Ecke. Dort
     fährt die Tram Nr. 17. Kennst du die Ziffern? Guck...“

Mit den Pfoten zeichnet der Alte eine 17 in den Sand.

-    „Diese Tram läuft bis zum Stadttor, Porta Pia. Und dann weiter, immer
      geradeaus, bis zur letzten Haltestelle. Dort, wohin du auch schaust,
      umgibt dich von allen Seiten die Campagna.
      Aber warum,“ seufzt Nero, „erzähle ich dir das? Hier heraus, Bruder,
      hats noch keiner geschafft“.

Beppos Augen verengen sich, und mit einem rätselhaften Seitenblick auf
den Alten zucken seine Hinterpfoten.


                                                ***

Eines Morgens macht Beppo eine bedeutende Entdeckung. Er bemerkt,
wie der Kurator der Betreuten Katzenwohnanlage, der beleibte Opa, die
Essensausgabe an die Katzen ab und an unterbricht, um sich auf eine alte Marmorfliese sinken zu lassen. Aus seinem großen Sack zieht er eine Korb-
flasche hervor und saugt, ganz langsam und ohne abzusetzen, den Kopf in
den Nacken gelegt, rote Milch. Genau wie der Schuster. Gut, der trank meist
aus Gläsern, aber woher sollte man die hier im Forum nehmen?

Diese Päuschen veranstaltet der Alte einigermaßen häufig, die Flasche ist
mächtig, bestimmt zwei Liter, und genau genommen hat er überhaupt
wenig zu tun hier unten, wie die Katzen ja auch.
Was gab’s denn auch schon zu tun? Ungefähr zwei Mal am Tag bringt er
Stücke Hammelfleisch und sammelt an Altersschwäche krepierte Kater ein.
Höchstens, dass er gelegentlich zwei drei Kätzchen in den Sack steckt, um
sie bei irgendwelchen schmachtenden Engländerinnen abzuliefern.

Bis zu den Augen in Grasbüscheln vergraben, folgt ihm Beppo. Jetzt kommt
wieder die altbekannte Geschichte mit den Selbstgesprächen.
Würde sich der ausgehungertste Kater je solchen Peinlichkeiten hingeben?
Selbst der Schuster unterhielt sich mit Beppo nur, wenn die Flasche leer war.
Außerdem ist Beppo keine Steinmauer, er vermag sehr wohl höflich zuzu-
hören, das Herrchen nicht zu unterbrechen und es glauben machen, seine

Worte seien nicht in den Wind gesprochen.
Aber der hier... mit sich selbst! Muss man sich mal vorstellen!
Beppo kriecht näher heran und spitzt die Ohren.

-   „Jaja, meine Freunde...“ mit einem Stück Zeitungspapier wischt sich der
    Opa das Bärtchen und klatscht sich mit der Hand aufs Knie, „gedankt sei
    Gott dem Herren und der gütigen amerikanischen Signora. Ich bin satt und
    ihr seid satt... mein Weinchen trinke ich und für neue Stiefelchen hats auch
    gereicht. Was wollt ihr noch? Vollgefressen wie ihr seid? Die Sonne
    scheint! Wird wer krank, gebe ich Medizin in die Milch. Verreckt wer,
    begrab ich ihn.
    Du da drüben, schwarz-brauner, fang mir keinen Streit hier an! So ein
    Schlitzohr. Na, aber gut gegeben...und jetzt noch einen, auf die Fresse.
    So ist gut...“

Der Alte schwankt sacht, dreht die leere Flasche um und schüttet die letzten,
dunklen Tropfen ins Gras.

-   „Leer. Tja, meine Freunde, so einen Wächter wie mich werdet ihr in ganz
    Italien nicht mehr finden. Ordnung herrscht bei uns, Sauberkeit...“

-  „Schöne Ordnung!“ Im Gras versteckt muss Beppo grinsen. Der zerknitterte
Sack bleibt neben den Säulen auf der Erde liegen. Zwei Katzen stecken ihre
Köpfchen hinein, offensichtlich waren noch Happen übriggeblieben. Hier und
da flattert und wirbelt fettiges Einwickelpapier im Wind.
Kein einziges Mal hat sich der Opa heute danach gebückt.

Das nennt er wohl Ordnung.

Plötzlich wirft Beppo noch einen Blick auf den weggeworfenen Sack,

aus dem zwei unruhige Katzenschwänze ragen, und fängt an zu zittern.

Also wirklich. Was für ein Gedanke. Warum ist ihm das nicht früher

eingefallen?
Aufgeregt schlägt Beppos Schwanz hin und her. Kein Wort zu niemandem.
Die machen sich sowieso nur lustig über ihn. Verfettete Faulpelze.

Langsam schlendert er die Mauer entlang, um seine Gedanken zu ordnen.
Es besteht keinerlei Grund zur Eile, alles sollte gut bedacht werden.
Vor dem Dunkelwerden schleppt sich der emsige Opa ohnehin wieder

herunter, um seinen Sack einzusammeln, dann ist immer noch Zeit,

über alles zu entscheiden.

Erst weit von den Säulen entfernt hält Beppo in seinem Spaziergang inne,
dort, wo die steile Mauer eine Kurve macht, am anderen Ende des Forums.
Wieder ist die Künstlerin mit ihren Möbeln da.
 
Auf ihrem Klappstuhl vor der aufgebauten, dreibeinigen Staffelei sitzt die
anspruchslos gekleidete Alte und malt Katzen. Beppo hat schon vor einiger
Zeit beobachtet, wie sie das macht... sie schwingt den Pinsel, wedelt hin und
her, lehnt sich zurück und schaut. Aus einer Tube drückt sie bunte Würmer
auf ein Brettchen und patscht wieder auf der Leinwand herum. Guckst du -
eine Katze, als ob sie lebte. Geheimnisvoll, geradezu zum Fürchten.

Nicht zum ersten Mal besucht Beppo sie, streicht um sie herum und reibt sich
an ihren Beinen. Nicht, dass er ein Almosen erwartete, nein, einfach so, er
mag sie und ist neugierig auf ihre Arbeit. Das ist mal was Anderes, als alte
Stiefel reparieren oder für Katzen saubermachen.

Die Alte wollte auch Beppo malen. Gut, besonders hübsch ist er nicht: guckt
mürrisch und ist abgemagert. Er interessiert sie jedoch, sie glaubt, irgendeinen Ausdruck in ihm entdeckt zu haben.

Beppo lässt das nicht zu. Eine geschlagene Stunde wie angeklebt

sitzenbleiben - ergebensten Dank. Nicht mal zwei Minuten kann er

ruhig sitzen in diesem Katzenkäfig aus Stein.

Beppo hatte bereits überlegt, ob er mit ihr nicht irgendwie hinausschlüpfen
könnte, nach oben, auf die Straße. Aber die Alte verschwand stets schnell
und unbemerkt in einer Tür in der Mauer, das funktionierte nicht.

Sie ist weiter am Malen. Aber wofür benötigt sie derart viele Katzenporträts?
Beppo kann nicht wissen, dass sie alle ihre Bilder zu einem Möbelhändler
gibt, der sie ins Schaufenster stellt. Kommt ein Kunde gelaufen, der zum
Beispiel 12 Stühle für’s Esszimmer braucht, nimmt er gleich noch die gerahm-
te Katzenfamilie mit und hängt sie vielleicht unter der Uhr auf. Das kann
Beppo nicht wissen.

Er kann ebenfalls nicht wissen, dass die Alte ganz allein von ihren Bildern
lebt. Makkaroni, wollene Handschuhe, das Zimmerchen unterm Dach neben-
an: alles wird davon bezahlt, sogar die Heringsköpfe für die eigenen Katzen:
all das verdankt sie den Bewohnern des Forums.

Auch fühlt sie sich leichter in der Gegenwart von Katzen: unkapriziös, friedlich sitzen sie da, nach dem Abendbrot bewegen sie sich keinen Millimeter von ihrem Platz, und sollten die Porträts einmal nicht so gelingen, wäre ihnen das auch egal, davon haben sie nun gar keine Ahnung.

Beppo zieht den starken Terpentingeruch ein, reibt sich an einem Bein der
Staffelei und schlägt sich in die Büsche, um weiter umherzumarschieren. Jetzt keine Zeit mit Nebensächlichkeiten verplempern. Überlegen muss man, alles gut überlegen.

                                                    ***

Im Zeitlupentempo kriecht die Zeit voran, wie eine Schnecke durchs Gebüsch,

bis es endlich Abend werden will. Aber noch lange vor Sonnenuntergang

durchfliegt das ganze Forum eine traurige Nachricht: Beppo ist gestorben.

Die Katzenkolonie fühlt sich unbehaglich und peinlich berührt.
Mag er ein ungebildeter Flegel gewesen sein, ein Grobian, was soll’s, der
Charakter ist eben bei jedem verschieden. Tatsächlich scheint der Ärmste
gelitten zu haben. Andere erholen sich hier und bekommen ein Fell wie
Atlasseide, aber dieser, kaum dass er das Abendessen auch nur anguckte, 

hat abgenommen und abgenommen, bis er’s geschafft hatte.

Sogar der Erste Vorsitzende fühlt sich befleißigt, sein Bedauern

auszusprechen:  „Das erste Mal, dass sowas in unserer

   Betreuten Wohnananlage vorkommt. War noch gar nicht alt,

   kräftig, und - schau einer an. Ein Kater voller Würde, der sich 

   nicht anpassen wollte. Aber bei Euch: kein Funken
   von Mitgefühl, ach, Ihr....“.
Sprichts und verzieht sich, um die von Beppos Abendbrot

übriggebliebenen Hammelinnereien zu verzehren.


Beppo liegt neben einer großen Säule. Fliegen sitzen auf seinem

Schnurrbart, Ameisen kriechen in seinen Ohren, aber ihm,

steif wie ein Stock, die mageren Beinchen abgespreizt,

ist das scheißegal. Als ob er kein Kater mehr sei,

sondern ein aus dem Fenster geschmissenes hartes,

haariges Baguette.
Kater und Katzen zerstreuen sich in alle Richtungen.

Was gibts noch zu sehen? Der Kurator kommt und nimmt ihn mit.

Wohin? Das möchte man nicht so genau wissen.

Es dauert nicht lange, bis der Opa zurückkommt. Grüßt freundlich

die Künstlerin mit einer Handbewegung und beginnt, die Papierfetzen

mit einem angespitzten Stock aufzuspießen. Sammelt einen kleinen

Stoß, und ab in den Sack. Er geht unsicher, augenscheinlich hat er

in der Stadt wieder an seiner Korbflasche genuckelt, sie ist schon

wieder beinahe leer. Er piekst und piekst mit seinem Stock,

bis er zu Beppo gelangt.

-   „Aha? Hast du’s geschafft, mein Freundchen? Das hab ich gewusst, für
     einen Kater warst du zu empfindlich. Na, schon in Ordnung, mein Lieber,
     komm, krabbel in meinen Sack. So. Die Pfoten noch. Den Schwanz auch.
     Herrjeh, so mager und doch so schwer. Bleib erstmal hier auf dem Rasen
     liegen, wir machen uns gleich auf den Weg“.

Er geht los, um noch letzte Papierschnitzel aufzusammeln.

Als der Alte, die Tür hinter sich abschließend und sich mühsam die

schmalen,steilen Stufen zur Straße hinauf quälend, oben über die

zerbrochene Schwelle stolpert, scheint es ihm, als ob sich im Sack

über seiner Schulter etwas bewege. Das kam ihm natürlich nur so vor,

anders ist es nicht vorstellbar.

Der Katzenkurator hält auf dem Trottoir kurz inne, um den Sack anders zu
fassen und begibt sich direkt zu seinem Stamm-Italiener, für die Spaghetti
Bolognese.

Den Sack legt er zu seinen Füßen unter dem Tisch ab und zündet sich einen
langen und dünnen, regenwurmartigen Zigarillo an. Ein Katzenschwanz, in
Terpentin getunkt und angezündet, würde bei weitem nicht so entsetzlich
stinken. Dem Alten hingegen deuchte, dass es wohl keine aromatischere
Zigarre auf der Welt gebe.

Als er jedoch die Asche an seinem Knie abstreifen will, fällt ihm sein Zigarillo
aus der Hand, sich danach bückend, entfährt ihm ein Klagelaut, weil er

mitansieht, wie der krepierte Beppo gerade dabei ist, aus dem Sack zu kriechen.
Aber wieso krepiert - der lebt ja! Ihn mit Tigeraugen fixierend setzt Beppo
vorsichtig eine Pfote nach der anderen auf und stiehlt sich Schritt für Schritt
zur Tür hinaus.

Der Opa glotzt nur. Was ist das denn für eine Geschichte? Da haben sie ihm
heute morgen wahrscheinlich zu starken Wein abgefüllt.

Wo hat man sowas schon gesehen, dass ein krepierter Kater, den er selber
eben erst wie einen alten Handfeger in seinen Sack gestopft hatte, derartige
Kunststückchen fabriziert?
Er schielt auf den Fußboden.
Natürlich kein Kater da.
Fuu, sogar warm geworden war ihm.
Natürlich liegt der unten im Sack.
Der Kurator bückt sich erleichtert lächelnd und zieht den Sack heran, fährt
aber sofort zurück und springt auf.
Leer.

Mit den Spaghetti Bolognese in den Händen steht der Kellner da und guckt
dem Alten hinterher - was ist denn mit dem heute los? Krankgeworden oder
was? Aber der steht schon auf der Straße. Ohne Hut. Guckt nach rechts.
Guckt nach links. Haut sich auf die Knie und pfeift...

Da ist Beppo schon lange verschwunden. Anfangs schaut er sich noch

vorsichtig um und setzt sich zwischendurch, mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck, vor den erstbesten Hauseingang: Das ist mein Haus,

ich wohne hier seit zehn Jahren und möchte Sie bitten, mich nicht weiter

zu belästigen.
Klug ist er.
Aber jetzt weiter. Hier ist schon das riesige, weiße Denkmal mit den goldenen
Engeln links und rechts und dem dickbäuchigen Gaul in der Mitte. Genau wie
Nero gesagt hat. Hier der Platz um die Ecke, und eine leere Tram fährt auf
ihren Schienen um ihn herum, scheppert leise und kommt gemächlich an ihrer Endstation zum Halten.

Beppo schaut sich um. Auf allen Seiten tausende von Beinen, die Hunde
zwar mit Maulkorb, aber immer noch Hunde...auf allen Seiten Straßen...wie
kommt er bloß zu seiner Campagna?

Plötzlich erblickt er auf dem Dach der Tram die bekannte Nummer, die ihm
sein Freund in den Sand malte: „17“.

Was will er noch mehr? Beppo duckt sich aufs Trottoir, mit einem Satz ist er
aufs Trittbrett gesprungen. Im Waggon niemand, der Kondukteur steht vorn,
schwatzt mit der Blumenverkäuferin und winkt ihr fröhlich zu.
Wunderbar, dass er hinten keine Augen hat.

Beppo drückt sich in die Ecke neben der Tür, versucht, sich unter einer Sitz-
bank unsichtbar zu machen - und muss niesen. Verdammt staubig hier unten.

Schuhsohlen tappen - breite, schmalere und ganz winzige. Alle Plätze und
der Durchgang sind besetzt, ein Pfiff ertönt und langsam zieht die Tram an.
Endlich!

Der Kondukteur drückt und schiebt sich vor und zurück durch die Passagiere
und ruft durch den ganzen Wagen: „Wer hat noch kein Billett, Signori - Avanti!“

Beppo schweigt. Die befördern ihn heute ohne Billett.

Genau vor seine Nase wird ein Weidenkorb gestellt, abgedeckt mit raschelnden, knisternden Papierbogen. Beppos Nüstern weiten sich, er schnuppert -
ach, wie das riecht! Was mag das bloß sein, unter den Zeitungen?

Seine Nase in fremde Körbe zu stecken, gehört sich selbstverständlich nicht.
Andererseits hat ein hungriger Kater, der sich zwei Stunden totstellen musste,

doch wohl alles Recht, neugierig zu sein.
Außerdem ist er so bescheiden: ein einziges Würstchen isst er auf,

und immerhin fünf bleiben übrig.
Na gut, ein zweites wird gleichfalls vertilgt, es gilt aber auch zu

berücksichtigen, dass es äußerst wohlschmeckende Würstchen waren.

Angenehm ist das Fahren. Zufällig sitzt er im ersten Waggon, in dem

Rauchverbot herrscht, und Hunde dürfen gar nicht mit. Wenn der Fußboden

nur eine Idee weicher wäre, würde es überhaupt wunderbar sein.

Die Autos brüllen ja alle hinter den Scheiben.

Dann rutscht dem oben sitzenden Passagier der Schal von den Schultern,

und Beppo kann sein Köpfchen auf die weiche Wolle betten.

Angekommen, leert sich der Waggon schnell. Der Kater lugt unter der Bank
hervor: will der Kondukteur nicht aussteigen?
Aber der beguckt sich seine Fahrscheine und wirft sehnsüchtige Blicke auf
eine Limonadenbude. Beppo krabbelt auf der anderen Wagenseite über das
Trittbrett auf die Erde.

Neubauten. Ein staubiger Platz. Haufen von Ziegelsteinen und Kalk. Kein
einziger Schlachterladen. Bis sie die Vorstadtsiedlung hochgezogen haben
werden, sind sie alle hier vor Hunger verreckt.
Nein, das ist nichts für ihn.
Aber da hinten, das muss die Chaussee sein, von der Nero gesprochen hat,
mit dem alten, baufälligen Turm an der Biegung des Flüsschens.
Also alles in Ordnung.

Gierig riecht Beppo  an jedem Grashalm, taucht den Kopf in dürres Schilf und
erhebt ihn zum orangefarbenem Sonnenuntergang. Er arbeitet sich  eine
Anhöhe hinauf und steht regungslos vor dem, was er sieht.
Das sind sie also, diese Berge!
Ach, wie schön! Vereinzelte Pinien auf dem Hügel erscheinen ihm wie ein
ganzer Wald. Vor seiner Nase kriecht eine Eidechse über die warmen Steine
und die Grillen beginnen, auf Geigen zu spielen.

Die waren nicht essbar. Aber wieviele Vögel hier... Miau - Marmelau!

Nun also, allein bleiben und verwildern oder sich ein gemütliches Dach besorgen? Nachdenklich bleibt er stehen, sein Schwanz zuckt.
Aha. Da drüben am Fluss, hinter der krummen Brücke.... das scheint doch
tatsächlich, bitteschön, dasselbe Häuschen zu sein, in dem sein Freund
gewohnt hat. Natürlich sind die Leute jetzt andere.

Hinter der Gartenpforte hüpft ein kleines Mädchen, ein Hund... ist nirgends zu
entdecken... dafür eine Kuh.
Miau. Muss ich drüber nachdenken.

Er springt auf einen Baumstumpf, legt die Ohren an und schließt wonnig die
Augen: verwildern oder nicht?

Eine Feldmaus steckt ihr erstauntes Rüsselchen hinter einem Stein hervor
und piepst „Ruhe da drüben, ein neuer Kater ist da!“

Warme Luft umweht Beppo von allen Seiten, im Bauch blubbern die Würstchen.

Er lässt die Pfoten vom Baumstumpf baumeln, gähnt träge, betrachtet das
Häuschen hinter der Brücke und murmelt beim Einschlafen vor sich hin:
„Das kann ich morgen entscheiden“.

   


 
      

Anmerkungen

Grundlage für Text und Anmerkungen ist die zweibändige Werkausgabe
„Улыбки и Гримасы“ des Локид-Verlages, Moskau 2000.

Erstmals publiziert 1925 im Literaturjournal Перезвоны in Riga, mit dem
Vermerk „Rom 1924, als Buch erschienen 1928 in Paris.

Bei seinem Aufenthalt in Rom 1923/24 wohnte Tschorny in der

Via Nomentana, nicht weit von den Schauplätzen seiner Geschichte entfernt.

Dem Schuster verlieh Tschorny den Namen „Spagetti“, was sich evtl. mit
einer zunächst unerklärlichen Abneigung gegen diese Speise erklären ließe,
wie die Tochter des Schriftstellers Leonid Andrejew berichtet: „Sobald er
beim Abendessen der Pasta ‘Spaghetti’ ansichtig wurde, mit geriebenem
Parmesan bestreut, fiel seine Stimmung augenblicklich und er erging sich in
bitteren Tiraden über die Charaktereigenschaften der Italiener im Allgemeinen

und über ihre Küche im Besonderen“.

Zu Tschornys Ehrenrettung sei aber ein weiteres Zitat Frau Andrejews

angeführt: in den engen Gassen Roms musste man des Risikos gewärtig sein,
„dass einem jederzeit Spülwasser auf den Kopf geschüttet werden konnte oder irgendwelche Fischgräten auf den Rücken gekippt. Einmal kam Sascha
Tschorny mit einem Hut nach Hause, der malerisch behängt war mit
Spaghetti: in seiner ständigen Zerstreutheit hatte er nicht bemerkt, dass ein
ganzer Topf dieser beliebten Pasta Asciutta incl. roter Sauce auf ihm entleert
worden war“.

Aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen wurde der Name hier abgeändert.
Scaramuccio ist ein Aufschneider und Prahlhans aus der Commedia dell’Arte,

über Beppo hatte bereits Byron ein Poem geschrieben.